Tierheim ist kein Recyclinghof

 

Nein zur Wegwerfgesellschaft

 

Früher, als ich im Tierheim anfing, war es schon schwer. Anfangs dachte ich noch, man gewöhnt sich irgendwann daran. Wie an einen neuen Schuh, der nur so lange drückt, bis man ihn eingelaufen hat. Mit der Zeit kann man wahrscheinlich besser damit umgehen, so dachte ich.

Doch ich irrte mich. Zu sehen, wie unsere Mitmenschen mit Tieren umgehen, ist nicht nur schwer, es ist hart und bitter.

Eine uninformierte und unüberlegte Entscheidung folgt der nächsten. Menschen, die nicht den Willen und das Durchhaltevermögen haben, etwas an sich zu ändern, deren momentane Lebenssituation völlig gegen das Halten eines Tieres spricht schaffen sich ein Tier an. Das ist aber häufig das Leidtragende, ist es doch nun seinem Menschen ausgeliefert.

Natürlich gibt es auch die schönen Geschichten. Die Geschichten mit Happy End. Die Geschichten, bei denen ein Tier nach jahrelangem Martyrium ins Tierheim kommt. Ein Tier, das durch die Fehlbarkeit seiner früheren Besitzer als Problemtier abgestempelt wurde und das nun im Tierheim aufblüht. Bei dem sich jetzt herausstellt, dass es doch nicht so problematisch ist, sondern eine bislang unverstandene Kreatur. Besonders schön ist es, wenn dieses Tier dann noch ein neues Zuhause bei engagierten, geeigneten Menschen findet und dort dann den wohlverdienten Lebensabend verbringen darf. Oft zum ersten Mal wirklich seiner selbst wegen geliebt und verstanden.

Jeder Mensch, der sich ein Tier anschafft, egal ob Hund, Katze, Kleintier oder etwas anderes, sollte wissen, dass ein Tier nicht nur Zeit und Geld kostet. Es kostet oft auch Nerven und Engagement, es verlangt Rücksichtnahme dem Tier und dem eigenen Umfeld gegenüber. Es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Einige Tiere verlangen viel, aber es liegt in der Hand der Menschen, sich aus diesem Grund vielleicht doch keines anzuschaffen. Aber wenn man sich für ein Tier entscheidet, dann ohne Wenn und Aber. Dann sollte man damit leben und lernen, damit umzugehen.

Für die anspruchsvollen Leute unter uns, die ohne viel Arbeit, Zeit und Geld ein perfektes Tier halten möchten, hier ein Tipp von mir.

Es gibt das ultimative Tier:

Es ist hübsch.

Es kostet nur den Anschaffungspreis.

Sie müssen nicht mit ihm spazieren gehen.

Es ist kinderlieb und absolut familientauglich.

Es wird nie krank.

Es macht keinen Lärm.

Es knabbert nichts an.

Es kann gut im Auto mitgenommen werden und auch Urlaub ist kein Problem, denn es ist überall gern gesehen.

Es kann sehr lange alleine bleiben.

Es kostet keine Steuern und Versicherung.

Es haart und sabbert nicht. Es pinkelt Ihnen nicht in die Wohnung, denn es ist absolut stubenrein.

Es muss auch nicht wegen Allergie, Schwangerschaft oder Umzug abgeschoben werden, denn das ist alles gar kein Problem mit diesem Tier: Wenn Sie es nicht mehr brauchen, können Sie es ohne große Gewissensbisse einfach in den Müll werfen.

Es ist ein Tier, welches sich jeder Mensch, der die Wegwerfmentalität ausleben möchte, anschaffen sollte bevor er überhaupt nur einen Gedanken daran verschwendet, zum Züchter, Händler oder ins Tierheim zu fahren, um sich dort umzuschauen.

Es ist das Stofftier!

Und herzlichen Dank, dass einem lebenden Wesen so viel Leid erspart bleibt!

Mir liegt es fern, Tierbesitzer oder solche, die es werden möchten, mit diesem Text beleidigen oder verletzen zu wollen. Er sollte vielmehr als Denkanstoß gesehen werden, um die Entscheidung für die Anschaffung eines Tieres genauestens zu überprüfen. Denn die neue Bindung sollte im allerbesten Falle ein Tierleben lang halten. Und um sich und dem Tier unnötiges Leid zu ersparen, informieren Sie sich bitte vorher ausreichend. Nehmen Sie rechtzeitig Hilfe in Anspruch, wenn Probleme auftauchen. Werfen Sie nicht gleich die Flinte ins Korn, wenn gerade etwas nicht so läuft, wie Sie es sich vorgestellt haben.

Denn das Tierheim ist keine Recylingstation für nicht mehr gebrauchtes Material, es ist kein Ort, wo man sich derer entledigen kann, die nicht mehr ins eigene Leben passen. Viele Probleme, die die Tiere mit ins Tierheim bringen, sind hausgemacht. In den meisten Fällen hätten sie behoben werden können, wenn sie rechtzeitig erkannt worden wären und wenn Hilfe von außen in Anspruch genommen worden wäre.

Hierzu noch ein Zitat eines Vaters, der bei uns vor einiger Zeit mehrere Kleintiere abgab und folgenden Grund für seine Entscheidung nannte: Meine Kinder haben sie zu Ende gebraucht und keine Lust mehr, sich zu kümmern."

Es ist nicht immer leicht, in einem Tierheim zu arbeiten, das sagte ich bereits. Und auch mit den Jahren wird es nicht leichter, das habe ich nun auch verstanden. Tagtäglich neue Geschichten, bei denen man denkt: Was soll ich dazu noch sagen? Tagtäglich Geschichten, für die man oft keine Worte mehr hat!

Oder was würden Sie dazu sagen, wenn eine Mutter mit ihrer Tochter bei Ihnen auftaucht, um ein Meerschweinchen abzugeben, dessen Leben nur noch darin besteht, sich zu kratzen? So stark und so häufig, dass es dabei immer öfter bewusstlos wird. Durch starken Milbenbefall haarlos, blutig gekratzt und unterernährt. Nur wenige Spritzen von uns und es konnte wieder vollständig genesen und glücklich vermittelt werden. (Ein weiteres Tier, das Mutter und Tochter hielten, starb einige Tage vor der Abgabe im Tierheim.)

Oder wenn ein fünf Monate alter Hund abgegeben wird, der bereits sieben Besitzer hatte? Das Tier war ganz verstört und von Verlassensängsten geprägt.

Oder wenn ein Mann eine Katze abgibt, weil seine Frau das Elend und Leid der Katze nicht länger ertragen kann? Die alte Katzendame hatte riesige unbehandelte Tumore auf dem gesamten Rücken und konnte vom Tierarzt nur noch erlöst werden.

Oder wenn sie bei Minustemperaturen zur Mittagspause gehen und bei ihrer Wiederkehr einen Käfig vorfinden, in dem fünf ausgesetzte Hamster sitzen, schon fast erfroren?

Man könnte Bücher damit füllen, wie Menschen mit Tieren umgehen aber auch wie Menschen miteinander umgehen, tagtäglich. Doch wir werden weitermachen zum Wohle derer, die keine Stimme haben!

Bei meinen ganzen Ermahnungen will ich aber nicht die Menschen vergessen, die sich sehr wohl um den Gemütszustand und das allgemeine Wohlbefinden ihres Tieres sorgen und sich bemühen, ein für beide Seiten angenehmes Miteinander zu ermöglichen. Danke dafür!

Sonja Kirsch, Tierheimmitarbeiterin